Originelle Mathematik: Rechnen gegen Rassismus

 Alternative Mathematik, die vom gewünschten Ergebnis her rechnet, lässt zielgenaue Aussagen zu.

Es war natürlich ein gefundenes Fressen für rechte Hetzer, Hasser und Zweifler an allem, als jetzt aus dem US-Bundesstaat Oregon Überlegungen laut wurden, bei Rechenaufgaben sollen künftig nicht mehr die Lösung einer Gleichung als richtig anzuerkennen, sondern mehrere Antworten gelten zu lassen, und seien sie auch falsch. Sofort waren die üblichen Entrüsteten auf den Bäumen: 2 plus 2 müsse vier bleiben, zehn mal zehn 100 und überhaupt solle wenigstens die Mathematik verschont bleiben von Gleichstellungsexperimenten, mit denen seit längerer Zeit schon tiefgreifende Veränderungen in anderen Fachgebieten bewirkt werden.  

Von der Fantasiesprache zur Originellen Mathematik

Seit Fernsehmoderatoren in einer selbstausgedachten Fantasiesprache voller Innen und Löcher sprechen und Politiker sich bemühen, Gleichberechtigung durch  betonte Atempausen mitten im Satz voranzubringen, tut sich ein Abgrund auf zwischen den solargetriebenen Wohnburgen des Bionadeadels in den besseren Vierteln und den öl- und gasbeheizten Vorstädten, in denen das Gesinde mit “Shoppingqueen” und Bundesliga versucht, im permanenten Wertewirbel den Kopf oben zu behalten. Erschrecken herrscht dort, wo bisher vermutet wurde, wenigstens die Arithmetik sei doch eine exakte Wissenschaft, als die Nachricht eintraf, dass Oregon, als “eine linksliberale, progressive Hochburg” bezeichnet, ein Trainingsprogramm für Lehrer gestartet habe, das „Rassismus in der Mathematik abzubauen“  und die „weiße Kultur der Überlegenheit“ aus den Klassenzimmern verbannen solle. Mit Hilfe einer „Ethnomathematik“, die jeder Hautfarbe ihre eigene Messlatte auflege, ganz nach dem Motto der frühen Kommunisten: Jedem nach seinen Fähigkeiten.

Richtig und Falsch neu berechnet

Denn so unterschiedlich die ausfallen, so unterschiedlich müssen die Anforderungen an Richtig und Falsch aussehen. Was für den einen ein Berg, ist dem anderen ein Hügel, was dem einen ein Formelgewirr, leuchtet anderen nach ein paar Wochen intensiven Übens doch ein. Die Mathematik ist hier ein scharfes und eben auch rassistisches Schwert: Korrespondenten berichten, dass Schüler aus Minderheiten,  allen voran Schwarze und Latinos, im US-Schulsystem bei Prüfungen im Mathematik-Unterricht statistisch gesehen deutlich schlechter abschnitten als Weiße. Von Asiaten ist nicht die Rede, aber dennoch sei “der Glaube, dass es neutrale Antworten gibt, allein schon ein Charakterzug weißer Überlegenheit“, heißt es in dem Schriftwerk, das die “weiße Überlegenheit” nicht in Abführungsstriche setzt, was allein schon ein Charakterzug weißer Überlegenheit ist.

Immerhin aber sehen die Verfasser sich durch ihre weiße Überlegenheit verpflichtet und in der Lage, dem statistisch gesehen rassisch unterlegenen Minderheitenmathematiker eine helfende Hand zu reichen. Wenn Schüler und Pauseinnnen mit rassisch unterschiedlichen Voraussetzungen zur Lösung von Gleichungen im Unterricht erscheinen, dann sei schon als rassistisch anzusehen, wenn ein Lehrer seine Schüler alle gleichermaßen auffordere, die Schritte zur Lösung einer Rechenaufgabe und damit sein Verständnis für mathematische Prinzipien aufzuzeigen.

Wie 100-Meter-Lauf und Schach

Denn manchem liege so etwas, anderen aber nicht, ein genetische Sache vielleicht wie der 100-Meter-Lauf und Schach. Genetisch weniger Talentierte, die derzeit noch für falsche Antworten bestraft werden müssen, fallen durch schlechte Noten noch weiter zurück, sie werden entmutigt und gehen der Mathematik so unter Umständen gänzlich verloren. Der volkswirtschaftliche Schaden ist gigantisch, gerade mit Blick auf den Nachwuchsmangel bei Ingenieuren, Brückenkonstrukteuren, Architekten, Raum- und Luftfahrspezialisten, aber auch Heizungsmonteuren, Schlossern und Servicetechnikern für Solaranlagen.

Als Alternative schlagen die Wissenschaftler aus Oregon die Etablierung einer Mathematik vor, die nicht mehr vermeintlich „objektive Antworten” abfordere, sondern alternative Fakten ausdrücklich erlaubt. Lehrer werden deshalb ermuntert, Angehörigen von mathefernen Minderheiten zu erlauben, „mindestens zwei Antworten“ als Lösung zu präsentieren, von denen eine richtig sein könnte, anstatt sich auf ein einziges und damit korrektes Ergebnis zu konzentrieren. 2 + 2 wäre etwa nicht mehr automatisch 4, sondern – im Wahrheitsmuseum im brandenburgischen Wellendorf ist das bereits seit Jahren so nachzulesen – zugleich 22. 

Diese neue, sogenannte Originelle Mathematik lässt randomisierte Resultate zu, wenn der einreichende Schülerer selbst  denkt, dass sie richtig sein könnten. Das vermeidet die unweigerlich mit der Zurücksetzung des Rechnenden verbundene rassistische Diskriminierung in Fällen von vermeintlich “falschen Ergebnissen und öffnet der Gesellschaft den Weg zu einem höheren Verständnis arithmetischer Prozesse: Zahlen haben keine Rasse, ihre Verwendung als angeblich objektive Größe aber negiert die Verantwortung, die mathenahe Ethnien und Genotypen  stellvertretend für zahlenferne Schichten und Rassen beim Umgang mit Gleichungen und Formeln übernehmen müssen.

Vielfalt auch im Rechnen

Das Geschrei von Rechtsaußen, das prompt durch Deutschland dröhnte, als die ersten Nachrichten über die Originelle Mathematik aus Oregon kamen, zeigt schon, wer hier Angst um seine arithmetischen Privilegien hat. Und damit auch, wie wichtig es ist, von Schwarz und Weiß, Richtung und Falsch auch in der Wissenschaft endlich wegzukommen. Binär zu denken, ist etwas für Computer. Der Mensch ist in der Originellem Mathematik zu Hause. 2 und 2 kann vier sein, aber eben auch 22. Hundert mal Null ist null, aber hundertdreimal eben auch, was deutlich zeigt, dass unendlich viele Zahlenkombinationen zum selben Ergebnis führen können – und vice versa – andersherum. Vielfalt regiert auch im Rechnen. Höchste Zeit, das auch in deutschen Schulen konsequent umzusetzen.